Wenn das herz zu klein wird


Windfräuleins

Nach Zitrone riechende Engel drehen ihre Stifte und das Kleid fängt an zu spannen. Während ich wachse, scheint sich mein Körper zu verändern. Ich verändere mich. Aber was wird aus dem, den ich verlasse? Kriegt den jemand anderes?

Ich kritzele vor mich hin.
Schön sehen sie aus
auf dem Papier,
die Beine,
die Arme und die Haare
der Buchstaben.
Außen ist gut,
was innen
nicht mehr kann.

Die Perlenfischer tauchen in uns ein. Sie spüren den Schmerz auf, der so hart und rund ist wie eine Perle. Sie schwimmen so lange, bis sie ihn finden. Während sie stochern, fließt immer mehr Meeressaft aus unserem Gesicht. Läuft und läuft wochenlang. Mein Perlenfischer ist nicht besonders geschickt. Schon seit Wochen sucht er nach der Perle. Liegt sie vielleicht so tief, dass er sie nicht sehen kann, weil er keine Brille mithat? Was passiert, wenn sich dein Perlenfischer verirrt hat? Oder wenn er ertrunken ist? Muss man die Wasserrettung rufen? Oder wenn er in mir alt geworden ist und nie mehr zum Vorschein kommt?

Essig in der Tinte,
Butter im Kakao,
etwas ist komisch,
etwas tut so weh,
vielleicht, dass Papa
mich nicht mehr hört.

Ich ziehe einen Seiltänzerumhang mit gelbem Saum über und spaziere bis zum Laden, wo es Schokolade gibt … ich nehme auch Mandel mit. Na gut, Mama darf auch mitkommen.

Punkt, Punkt, Komma, Strich.
Wo habe ich mich versteckt?
Tief im Wald, in einem Tulpenkelch.
Oder vielleicht unter dem Herzen
oder in deiner Hand?
Man müsste auf die Erde hinabschweben
oder sich in den Himmel legen.
Essigbaumduft überdeckt den Kummer.
Schlafen die Engel auf Blütenblattbetten?
Oder schlafen sie gar nicht?
Wie duften sie,
wenn sie einen Duft haben, wie?

Papa ist gestern gestorben. Angeblich machen das viele, ich habe von einem Schlamassel gehört, demnach machen das sehr viele. Aber er war nicht zu vielen. Es kommt vor, dass jemand die Augen schließt und sie nie wieder aufmacht. Ich verstehe nicht, warum nicht. Dabei hatte Papa so schöne braune Augen, wie glänzende Kastanien. Der Spielplatz ist voll mit solchen Kastanien. Sie fallen vom Baum und liegen auf der Erde. Ganz viele glänzende Kastanienaugen. Aber Papas sind nicht dabei.

Haben die Bäume auch
Blut?
Und eine Lunge?
Bleibt ihr Herz stehen,
wenn sie gefällt werden?
Ersticken auch sie,
wenn sie im Park umstürzen?

Heute habe ich eine Frau mit einem riesigen Bauch gesehen. Angeblich habe ich auch in einem Sack mit Wasser da drin gewohnt. Noch dazu mit dem Kopf nach unten. Wenn das Etwas, das Leben heißt, so anfängt, ist es kein Wunder, dass die Dinge auch später oft kopfstehen.

Papas Tod
war wie geriebener Apfel.
Mama hat ihn auch gekostet.
Bitterlicher Geschmack in meinem Mund.
Ich habe keinen Hunger.

Meine Füße müffeln. Wirklich. Aber wovon kommt das? Ich habe an den Pfoten eines Hundes gerochen, aber die haben auch nicht gemüffelt. Und da heißt es immer, Tiere stinken.

Im Fernsehen habe ich Ballerinen gesehen. Sie hatten gepuderte Gesichter und weiße Röckchen. Sie haben in Leggings ihre dünnen Beinchen gehoben und sich im Kreis gedreht. Ich habe mir aus Klopapier ein Röckchen gemacht und aus den Schneebesen Flügel. Ich habe mir sogar noch mit Mamas Lippenstift den Mund angemalt. Als Kusslippen, wie die Tanten es machen. Die Flügel, die ich mit Mamas Haarband festgebunden hatte, sind dauernd runtergerutscht, weil ich noch keine Brüste habe. Lange Beine habe ich auch nicht, und auch kein Tutu. Ich habe nur rosa Nagellack. Ich werde lieber Dornröschen, schlafen kann ich nämlich jederzeit. Ich fange auch gleich damit an.

Papa ist eingeschlafen.
Es ist Nacht geworden
an der Stelle seiner Augen.

Mamas Hände sind manchmal so kalt wie die Haltestangen im Bus. Wenn sie eine Weile gefahren ist, schmilzt sie wieder in ihre Haut hinein. Sie sitzt auf dem Stuhl und kreist manchmal stundenlang irgendwo herum. Dann frage ich sie vergeblich. Mama ist eine müde in sich Gekehrte.

Die Malkreide knistert auf dem Papier.
Ein Strichmännchen mit einem Strichmund.
Krumme Linien,
ein Haus auf einem schiefen Hügelrücken.
So hat nur Papa gemalt,
andere können solche Strichelchen nicht.

Wie schlafen die Sterne? Erzählt ihnen der Mond oder die Sternenmutter oder vielleicht der Sternenvater eine Geschichte? Wird ihr Schein immer gelber, je mehr die süßen Träume sie erfüllen? Ich sollte mir das Buch borgen, aus dem ihnen Geschichten vorgelesen werden – vielleicht würde Mandel dann nachts nicht wach bleiben. Ihr Bauch wäre gelb, und sie würde mir den Weg im Dunkeln wiesen, wenn ich nachts Pipi muss.

Papa blieb manchmal vor dem Fernseher stehen, in dem Männer mit komischen Haaren lärmige Musik spielten. Er fing an zu singen und tat so, als wäre die Fernbedienung eine Gitarre mit Saiten drauf. Er zuckte hin und her und machte dabei Grimassen. Dabei fing irgendetwas in ihm an zu zappeln. Wenn der Song zu Ende war, legte sich der säuerliche Geruch auf sein Hemd und auf seine schwitzende Handfläche. Als würde etwas aus ihm ausdünsten, das niemals ausgegoren wurde.


作者
Szabó, Imola Julianna

译者
Draskóczy Piroska

来源

https://www.babelmatrix.org/works/hu/Szab%C3%B3%2C_Imola_Julianna/Kin%C5%91tt_sz%C3%ADv/de/83297-Wenn_das_herz_zu_klein_wird


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