Und wenn der Reisende Bär keinen Durst
und keinen Hunger hat, wenn ihm weder kalt noch warm ist
und ihn weder Müdigkeit noch Unruhe quält
und er weder Schmerz noch Freude verspürt, dann wird
die Wunde deiner Liebe mit zwei Geschichten geheilt:
Die Frau, die in eine Stadt reist in der sie ohne Angst
lebt, und wohin ihr der Mann nur mit komplizierten
Reisegenehmigungen folgen könnte und ihr nicht folgen
will, und dort die Frau eines Abends weinend und würgend
das Papier mit der Telefonnummer des Mannes ißt, um sofort
die Nummer aus dem Kopf zu wählen und dem Mann
zu sagen, daß sie ihm alles wegnehmen wird, alles, denn
von diesem Augenblick an ist sie in dem kleinen rumänischen
Dorf geboren und nicht der Mann und, daß ab jetzt sie
am linken Knie die kleine Narbe hat und nicht der Mann,
und daß von dem heutigen Tag an, sie die harten Brustspitzen
der Frauen, deren Körper sich unter dem Gewicht des Mannes
aufbäumen, küssen wird, und nie wieder der Mann, aber
auch diesmal hebt keiner den Hörer ab.
Die Chronistin, die träumt, daß sie in einer Stadt spazieren
geht, wo es viele Cafehäuser gibt und letztendlich in eines
hineingeht, vor dessen Tür sich zahme Schakale sonnen.
An einem der Tische erblickt sie einen Mann und eine Frau,
die sich ihre Zungen zustrecken. Die Zunge der Frau ist
türkisfarben, die Zunge des Mannes karminrot. Mal
nähern sie sich, mal entfernen sie sich, ohne sich zu berühren.
Die Chronistin geht näher an den Tisch,
um sich zu vergewissern, daß sie sich nicht berühren, aber
in diesem Augenblick platzen ihre Augen auf und
aus den Augen schwirren kleine Mädchen heraus und
quietschend rennen sie los um Zuckerwatte und leuchtende
Bonbons und Lutscher zu kaufen. Die Chronistin
greift blind nach dem muskulösen Arm der Riesenfrau,
in deren Gesichtsporen Fliegen dösen und fortfliegen
als sie zu singen beginnt:
»Männerzunge und Frauenzunge
Frauenzunge und Männerzunge
Papier und Brunnen: Die Brunnenfrau löst das Papier auf
Schere und Papier: Die Männerschere schneidet das Papier
Brunnen und Stein: Die Steinfrau versperrt die Brunnenfrau
Schere und Stein: Der Steinmann stumpft die Schere ab
Brunnen und Brunnen: Im Brunnen versinken
Mann und Frau,
Schere und Schere: Stein und Stein
Frau und Mann: Frauenstein und Männerschere
Männerpapier und Frauenpapier, Scherenfrau und Steinmänner
Mann und Frau: ich und ich
durch meine linke und rechte Schläfe dringen eure Zungen
in meinen Kopf und dort berühren sie sich.«
In diesem Augenblick spürt die Chronistin, wie sich einer
der gezähmten Schakale der Riesenfrau an ihren Schenkel lehnt.
So, ein wenig vom Gewicht des andern auffangend
ruhen sie sich eine Weile aus.
Am nächsten Morgen ist das Ungeheuer sonderbar gesprächig:
»Bitte, du kannst jetzt gehen, geh, draußen ist schönes Wetter,
trink einen Milchkaffee auf einer der luftigen Terrassen, lies
die Tageszeitungen durch. Mach einen Spaziergang und denk
nicht an mich. Unnötig, denn sobald ich dich brauche,
such ich nach dir.«
Draußen ist der Himmel fast weiß, so glühend die Sonne.
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