Oda provocans
Eines hohen Hauses Kind,
Schlank gebaut wie wenig sind,
Ueberstrahlt an Schönheit weit
Selbst ihr perlenreiches Kleid;
Doch was hilft es; sie ist falsch.
Schlehenaugen Sterne licht!
Amor bildet schön're nicht.
Wo die Blicke hin sie kehret
Brenn'ts, als ob ein Blitz hinfährt;
Doch was hilft es, sie ist falsch.
Hals, wie Alabster weiss,
Lippen, wie die Rose heiss,
Kinn, wie Marmor glatt und fein,
Nacken, wie der Schnee so rein;
Doch was hilft es; sie ist falsch.
Stillend, schreibend, ist sie schön,
Schön ihr Sitzen, schön ihr Geh'n,
Lächelnd schön, wie wenn sie weint;
Aller Reiz ist ihr vereint:
Doch was hilft es; sie ist falsch.
Schmeichelnd, lallend, süss im Scherz,
Munter, muthig, lieb ihr Herz,
Viel verheisst ihr Zauberblick,
Beut sie selbst sich, höchstes Glück!
Doch was hilft es; sie ist falsch.
Antwort
Oda respondens
Eines hohen Hauses Spross,
Tadelfrei und makellos,
Zeigt's, dass man ihn wohl erzog,
Lohnt's auch, dass man seiner pflog;
Lieb' ihn doch nicht, weiss warum.
Klar ist seiner Augen Licht,
Milchgetaucht sein Angesicht,
Rosenroth und Weiss vereint
Auf der klaren Wange scheint;
Lieb' ihn doch nicht, weiss warum.
Weisheit zeigt die Stirne an,
Er ist schlank, wie eine Tann',
Ihn umflattert braunes Haar,
Rosenroth der Wangen Paar;
Lieb' ihn doch nicht, weiss warum.
Ares Ross wie sein's nicht springt,
Wenn er es zum Setzen zwingt;
Bäumt sich's auch, springt hin und her
Nicht im Sattel wanket er;
Lieb' ihn doch nicht, wess warum.
Geistreich, witzig, hochgeehrt,
Kunstverständig, rechtsgelehrt.
Immer heiter, froh an Muth,
Wirthlich, mässig, fromm und gut;
Lieb' ihn doch nicht, weiss warum.
Freude nährend ist sein Scherz,
Weckt zur Wonne auf das Herz;
Naht er, jubelt jede Brust;
Seine Freundschaft, Edens Lust!
Lieb' ihn doch nicht, weiss warum:
Weil er falsch mich nennt, darum.
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