Hier irgendwo mag wohl jenes Foto vor siebzig Jahren
gemacht worden sein, meine Großmutter ist noch ganz jung,
keine zwanzig, die beiden anderen Mädchen neben ihr sind
Tagelöhnerinnen von der Insel, die einmal an der Quelle den Teufel
gesehen haben, dort hatte der Teufel aus dem König-Brunnen getrunken,
sie pflücken Himbeeren auf dem Foto, der Rand einer Wolke noch,
einer siebzigjährigen Wolke ist noch zu sehen, und hinter ihnen
etwas vom Berg, im Großen und Ganzen jene Stelle, an der
jetzt gerade ein Kuckuck loslegt,
damals war das Grab des unbekannten Soldaten noch nicht da,
wo ich das Fahrrad gelassen hatte, da gab es noch nicht
jenes Grab, es mag wohl das eines deutschen Soldaten sein,
hier lang waren sie auf dem Rückzug, aufwärts im Tal,
nach dem Krieg war der Wald voll mit allerlei weggeworfener
Ausrüstung und allerlei in Verwesung begriffenen, in alle Winde
zerstreuten Körperteilen,
mein Onkel hatte in seiner Kindheit von hier ein paar
Militärstiefel mit nach Hause genommen, und meine Großmutter
hat erst zu Hause gemerkt, dass in den Stiefeln, gerade bis zum
Rand der Stiefelschafts, auch die fauligen Unterschenkel
drin steckten,
und ein mitgebrachter, an der Schläfe durchschossener
Helm war noch in meiner Kindheit vorhanden, dann
ist er bei einer Entrümpelung verschwunden, die Ein- und
Austrittstelle der Kugel war gut sichtbar, wie die
Kronenblätter einer Blume, so regelmäßig hatte sich
die Stahlplatte auseinandergefaltet,
und die Obstgärten, die verwilderten Obstgärten,
Schlingpflanzen ersticken die ohnehin halbtoten
Bäume, nur im Frühling kann man sehen, von oben, vom
Hochplateau her, in das das obere Ende des Tals mündet,
zur Blütezeit die von Jahr zu Jahr blasseren, regelmäßigen,
schneeweißen Rechtecke, das sich allmählich auflösende
System der einstigen Obstgärten, aber in diese schneeweiße
Regelmäßigkeit mischen sich immer mehr grüne Flecken
hinein, wie die Fläche zurückerobert wird vom Wald,
ich kann nicht anders, nur reglos zusehen,
was geschieht, es ist langsam und geht auf etwas zu,
man kann eher fühlen, dass es geht, ob sie es auch gefühlt haben,
aus dieser Quelle trank mein Großvater, meine Großmutter,
Mutter in ihrer Kindheit, und jetzt ich, das Wasser
wird immer weniger und auch trinken könnte man nicht mehr
aus ihr, denn sie ist verseucht, wie auch fast alle Quellen
der Umgebung längst schon verseucht sind, es rinnt kaum
aus dem Rohr und es hat einen abgestandenen Geruch,
1885 wurde gemeißelt in die Steinplatte oberhalb des Rohres,
im Gebetsbuch meiner Urgroßeltern mütterlicherseits mit
Sütterlinschrift habe ich ähnliche Zahlen gesehen, eine solche
Schrift gibt es nicht mehr, so schreibt niemand mehr,
ich betrachte mich im Wasser der Quelle, sehe
jenes schwebende Gesicht dort unten, schaue den Weg,
auf den sie morgens aufwärtsgingen, mit der geschulterten Hacke,
in der Hucke das Brot, der Speck, in der Korbflasche
Großvaters Wein, der Honigblaue,
etwas müsste von ihnen dageblieben sein, man müsste
in den Erinnerungen des Tals nach ihnen suchen, wie könnte
das Tal zur Rede bewegt werden, die Quelle, vom Quellwasser
wohin war ihr Gesicht verschwunden, wohin geht mein Gesicht,
wenn ich es nicht mehr im Wasser sehe,
das Wasser hat das Becken der Quelle geglättet,
seine Ränder abgerundet, wie der Rosenkranz
meiner Großmutter, zur Perfektion abgenützt
wird der Teufel wohl einst zurückkehren zur Quelle,
vielleicht ist der Teufel auch jetzt da, er hat
die Quellen untrinkbar gemacht,
die Drei lächeln, die drei jungen Mädchen
auf dem Bild, über ihnen, im Vordergrund der Wolke,
zuerst dachte ich, Schmutz, ich kratzte daran, es ließ sich aber
nicht entfernen, dann schaute ich mit dem Vergrößerungsglas,
was das dort, jener schwarze Punkt am Himmel ist,
wohl ein Vogel, etwa ein Mäusebussard schwebt
auf dem Fleck am siebzigjährigen Himmel, und
der Schatten von noch etwas am Bildrand,
zur Hälfte auf den Himbeersträuchern, ein gestaltloser
Schatten, wie er sie zu erreichen sich anschickt.
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