10. Offenbarung


Auf deinem Grabe saß ich stumm
In lauer Sommernacht;
Die Blumen blühten rings herum,
Die schon dein Grab gebracht.
Und still und märchenhaft umfing
Ihr Duft mich, süß und warm,
Bis ich in sanftem Weh verging,
Wie einst in deinem Arm.

Und meine Augen schlossen sich,
Vom Schlummer leicht begrüßt;
Mir war, als würden sie durch dich
Mir leise zugeküßt.
Still auf den Rasen sank ich hin,
Der deinen Staub bedeckt,
Doch ward zugleich der inn're Sinn
Mir wunderbar geweckt.

Was ich geträumt, ich weiß es nicht,
Ich ahn' es nur noch kaum,
Daß du, ein himmlisches Gesicht,
Mir nahe warst im Traum.
Doch, was dies flücht'ge Wiederseh'n
In meiner Brust geschafft,
Das kann die Seele wohl versteh'n,
Die glüht in neuer Kraft.

Du hast der Dinge Ziel und Grund
An Gottes Thron durchschaut,
Und thatest kühn mir wieder kund,
Was dir der Tod vertraut.
Und wenn das große Lösungswort
Auch mit dem Traum entschwand,
So wirkt es doch im Tiefsten fort,
Gewaltig, unerkannt!


1835
作者
Christian Friedrich Hebbel

来源

Friedrich Hebbel: Sämtliche Werke. Historisch-kritische Ausgabe. Besorgt von Richard Maria Werner. 1. Abteilung: Werke, Berlin: B. Behr’s Verlag, [1911 ff]. https://hdl.handle.net/11858/00-1734-0000-0003-3997-E; CC BY 3.0 DE; TextGrid, www.editura.de


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