Zum Tod von Rolf Bossert


Ich habe dich kaum gekannt.

Spontan bin ich an diesem eisigen Abend ins EinStein

gegangen. Habe mich gedrängelt, meinen Kopf zwischen andere Köpfe

gesteckt, um deinen zu sehen.

An meine Ohren gelangten bloß

Bruchstücke, obschon ich wußte: deiner Sätze.

Wenigstens meinen Augen, dachte ich, sollte etwas zukommen.

Später saßen wir

um einen runden Tisch, du sprachst mit zwei Herren

und trankst dazu Bier, vielleicht mit Korn, ich habe dich beobachtet,

mich währenddessen vorgestellt, mich unterhalten

– in meinem englisch-deutschen Pidgin

(nur ab und an seltene, getroffene Rosinen

von Wörtern – tja, das viele Lesen! –

in dem unaufgegangenen Teig der armseligen Syntax).

Aber ich habe mich unterhalten, beherzt, nervös,

ein Wodka nach dem anderen. Ob du wohl gerne trinkst,

grübelte ich, man sah es dir nicht an,

stimmt schon, man sieht es nicht immer. Ich studierte dich.

Und einer deiner Sätze ging mir durch den Kopf,

auch noch auf dem Heimweg im Taxi, das mir Bekannte bestellt hatten,

mir, dem unbeholfenen Draußengeborenen,

an einem meiner ersten Tage hier. Einer deiner Sätze, selbst

dort oben noch, als ich aus dem meinen Stirnabdruck tragenden

Fenster starrte. Du hattest so etwas gesagt (noch im Vortragssaal),

daß du dich nur wegen der ungestörten Fortsetzung (auch über dieses „nur” wunderte
ich mich)

deiner schriftstellerischen Arbeit

um Reisepapiere bemüht habest, du hieltest dich nicht –

für einen was noch gleich? Du gebrauchtest das Wort „Dissident”.

Auf ungarisch… Ungarisch? Sagen wir in einer realexistierthabenden-sozialistischen
Sprache

bedeutete es in einer Zeit das Verlassen des staatsbürgerlichen Verbandes aus
niederen Beweggründen,

auf illegalem Weg (sei es: über Fuchsfährten, Büffelpfade).

So konntest du es nicht verstanden haben. Diese besagte Bedeutung existiert

in deiner Sprache gar nicht, und dein Paß war gültig.

Du warst nach Recht und Ordnung

(denn dort ist dies das Recht und die Ordnung)

übergesiedelt, doch „nicht deshalb, weil…” Na gut, lassen wir die

politische „Semantik”. Wir wissen, worum es geht.

Aber daß zur Rede kommen mußte – und es mußte –,

ob aus diesem oder jenem Grund, vor allem, daß nicht deshalb, sondern nur…

Wir und übersiedeln, auswandern!

Welch irreführenden Vorsilben!

Beharrlich ziehen wir

das Möbiussche Band der Rechtfertigung.

Wo ist soviel Freiheit, oder zumindest Arroganz,

einfach zu sagen:

„Ich war dort, jetzt bin ich hier. Fertig.

Man muß sich mit mir begnügen. Ich zeige mich.”

(Und wo ist die Möglichkeit dafür?)

Ja wofür ich mich nicht halte! Für so vieles

halte ich mich nicht – und selbst das

geht nur mich etwas an.

Ich formulierte vor mich hin,

wie ich dir dieses sagen werde,

wenn sich die (wahrscheinlich scheinende)

Gelegenheit bietet.

Sie bietet sich nicht. Ich betrachte das Telefon.

Einige Tage später schneide ich eine halbe Spalte

der Rubrik Register aus der brillant redigierten,

auf angenehmem Papier gedruckten Zeitschrift aus, hefte sie an zwei frühere
Publikationen.

Nehme die Notizen aus dem Spiralheft, die ich zu diesem

Text verfasst habe. All das gelangt zusammen in eine Mappe,

wie auch dieser Text, wenn er fertig ist.

Und ich warte, daß man mir deine Gedichte schickt, damit ich sie übersetzen
kann.

Das ist es, was Sinn zu haben scheinen mag.


作者
哲爾吉·畢崔

译者
Éva Zádor

来源

https://www.babelmatrix.org/works/hu/Petri_Gy%C3%B6rgy-1943/Rolf_Bossert_hal%C3%A1l%C3%A1ra/de/3379-Zum_Tod_von_Rolf_Bossert


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