Wie es war und ist


Der Herzen gibts nicht mehr in unsern Tagen,
Die voll Gefühl auf Erden weit und breit
Mit keinem Wunsch als nach der Einen fragen,
Der sie sich ganz und lebenslang geweiht;
Gern jedem Glück, ists Ihr nicht Glück, entsagen;
Unabgeschreckt von Haß, Verfolgung, Neid
Wie im Triumf an Ihrem Siegeswagen
Hervor sich blähn; was halb Ihr Blick verbeut,
Nicht wollen; nur mit innigem Behagen
Die Freude fühlen, die auch Sie erfreut;
Zufriednes Muts an ihrem Grame nagen,
Und Jahre durch, was Stolz und Grausamkeit
Auflegen kann, und immer willig tragen;
Zu leben und zu sterben gleich bereit,
Gefahr und Tod um Ihretwillen wagen;
Und wenn zuletzt Ihr harter Sinn Sie reut,
Die Zweifel fliehn, die um den Busen lagen
Und Sie erweicht Ihr Ohr den Seufzern leiht,
Als wär es Traum, noch fürchten noch verzagen:
Der Herzen gibts nicht mehr zu unsrer Zeit!
Der Liebesgott ist nun kein Gott der Klagen:
Er kömmt und glüht und lacht der Schüchternheit
Und schleicht, will ihn ein stolzes Mädchen plagen,
Gelaßen fort, und ist er glücklich heut,
Sieht man ihn morgen schon die Flügel schlagen. –
Warum bin ich noch von der alten Zeit?


1775
作者
Heinrich Christian Boie

来源

Karl Weinhold, Heinrich Christian Boie. Beitrag zur Geschichte der deutschen Literatur im 18. Jahrhundert (1868), S. 314; TextGrid https://hdl.handle.net/11858/00-1734-0000-0002-3BD4-0; CC BY 3.0 DE, TextGrid


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