Abschied von der Poesie


Wem die Muse hold sich neigte,
Liebend hingegeben ganz
In der Jugend Blütenglanz,
Und ihr Heiligtum ihm zeigte:
Nimmer wird den Dichterkranz
Der je lassen, auch im Leiden,
Fest ihn halten im Verscheiden;
Zürnend drob aus hohem Mute
Jenem, der in leichtem Blute
Einen Abschied nennt das Scheiden.

Frühlingshauch im Liebesgarten,
Klagelaut im Abendscheine,
Strahl der Lust im Zauberhaine,
Wer soll deiner Blumen warten?
Mag'sche Dichtung! Du alleine,
Leuchtend wie ein Schild von Erz,
Spiegelst schön zurück den Schmerz,
Wie soll ich von dir mich trennen?
Denn es kann nur Kunst dich nennen,
Wer nicht kennt ein fühlend Herz.

Dieses Dichten, dieses Denken,
Ist es nur ein süßes Träumen,
Sinnend Spiel in leeren Räumen,
In das Nichts den Weg zu lenken?
Ein Verlieren, ein Versäumen,
Wo sich selber sucht das Herz,
Führt es uns doch himmelwärts.
Andre sehn da nur ein Spielen,
Nennen es ein selig Fühlen;
Doch ich nenn' es einen Schmerz.

Wer ihn selbst in sich erlebte,
Mag es dann in Worten sagen,
Und in Melodien klagen,
Was im Herzen sehnend bebte.
Drum bis zu den letzten Tagen
Dichten wir in Liebe weiter,
Singen aus dem Leben heiter;
Folgen treu der hohen Kunde,
Fest vereint im Dichterbunde,
Der nur endet im Verscheiden.


作者
弗里德里希·施莱格尔

来源

Friedrich von Schlegel: Dichtungen, Herausgegeben von Hans Eichner, München u.a.: Schöningh, 1962 [= Band 5 der Kritischen Ausgabe]. | https://hdl.handle.net/11858/00-1734-0000-0004-D7E2-3 | CC BY 3.0 DE; attribution: TextGrid, www.editura.de


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