O laßt uns noch den Glauben an die Herzen


Noch tagt es nicht, noch strahlt das Licht
Des schönsten Traumes durch die Dämmerungen,
Noch hat vom blühenden Granatbaum nicht
Die Nachtigall ihr letztes Lied gesungen,
Noch ist die Liebe Himmelshöh'n entstammt,
Und heilig ist im Wohllaut süßer Schmerzen
Von reiner Glut des Dichters Brust entflammt –
O laßt uns noch den Glauben an die Herzen!

Noch hat das Mißtraun, die Verleumdung nicht
Uns tödlich bis ins tiefste Mark getroffen;
Wir glauben noch das Recht der Menschenpflicht,
Wir schau'n in jeden Blick noch frei und offen,
Noch lebt kein Feind, der tückisch uns umschleicht,
Um hinterrücks uns schändlich anzuschwärzen,
Und unser Freund ist, wer die Hand uns reicht –
O laßt uns noch den Glauben an die Herzen!

Daß nicht erlösche die Begeisterung,
Daß treu die heiligen Gefühle bleiben,
Kein trüber Tag soll diese Dämmerung
Mit ihren Sternen uns vom Himmel treiben.
Den Glauben an der Menschheit Würde, noch
Gelingt's dem Zweifel nicht, ihn auszumerzen,
Die Wahrheit siegt, es siegt das Gute doch –
O laßt uns noch den Glauben an die Herzen!


作者
Hermann Lingg

来源

Hermann von Lingg: Ausgewählte Gedichte. https://hdl.handle.net/11858/00-1734-0000-0003-F029-8; CC BY 3.0 DE; TextGrid, www.editura.de


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