Gesang der Blinden


Horch, aus tiefstem Lebensabgrund,
Drin kein Lichtstrahl je hinabtaucht,
Sucht die Stimme frommer Blinden
Aufzutönen
Nach dem Schönen,
Im Gesang ein Licht zu finden.

Klaglos in der dunklen Wohnung,
Wo kein Bild die kahle Wand schmückt,
Träumen sie hinab die Stunden,
Still genügsam,
Fromm und fügsam
Und in Eintracht gramverbunden.

Lichtlos sitzen sie beim Nachtmahl,
Wie die Schatten in der Grabnacht.
Keiner Lampe trautes Leuchten
Kann der Kranken
Nachtgedanken
Mit der Hoffnung Tau befeuchten.

Niemals können sie sich selig
Blick in Blick und liebend ansehn;
Nur im Hauch, nur im Berühren
Nahen süße
Seelengrüße,
Wenn sie Hand an Hand sich führen.

Steigt vor ihrem Geist die Schöpfung
Als ein Tönemeteor auf,
Schmerzlich ringen sie nach Bildern,
Ihr Entzücken
Auszudrücken,
Ewiges im Wort zu schildern.

Wie ein Sturm der Nacht durchatmet's
Ihre Brust in wilder Andacht,
Drängt ihr Herz, ein Wonnetoben
Auszuweinen
Vor dem Einen,
Den auch Sterne tönend loben.


作者
Hermann Lingg

来源

Hermann von Lingg: Ausgewählte Gedichte. https://hdl.handle.net/11858/00-1734-0000-0003-F1D6-F; CC BY 3.0 DE; TextGrid, www.editura.de


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