An die Verschämlichen


Ihr armen Schächer, wie thut ihr mir leid
In eurer Tugend engem Kleid,
Darunter die Triebe zu Krankheiten werden,
Zu bösen Dünsten und allen Beschwerden
Der Leibeslüge und Heuchelei.
Nie seid ihr froh, nie seid ihr frei,
Denn euer Wahn hat zur Sünde verdacht,
Was Kreaturen selig macht.
Des Lebens Quell mit Schmutz zu verschlammen,
Tragt alle Unnatur ihr zusammen;
Was fröhlich, rein, lebendig fließt,
Wird euch und uns zum faulen Bache,
Zur giftigen Sünden-Unken-Lache,
Wenn eure »Moral« hinein ihr gießt.
Oh Jammermißbrauch mit dem Wort!
Was blüht, ist Leben, tot, was dorrt;
Ihr aber streut Salz auf des Lebens Fluren,
Was keimt und treibt, ist euch verhaßt,
Dem Leben grabt ihr ohne Rast
Das Grab, ihr »sittlichen« Lemuren.


作者
奥托·尤利乌斯·比尔鲍姆

来源

Bierbaum: Irrgarten der Liebe, Schuster & Loeffler 1901, S.436-; TextGrid https://hdl.handle.net/11858/00-1734-0000-0002-30B9-8; CC BY 3.0 DE; TextGrid, www.editura.de


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