III. Der Schiffbrüchige


Hoffnung und Liebe! Alles zertrümmert!
Und ich ſelber, gleich einer Leiche,
Die grollend ausgeworfen das Meer,
Lieg' ich am Strande,
Am öden, kahlen Strande.
Vor mir woget die Waſſerwüſte,
Hinter mir liegt nur Kummer und Elend,
Und über mich hin ziehen die Wolken,
Die formlos grauen Töchter der Luft,
Die aus dem Meer', in Nebeleimern,
Das Waſſer ſchöpfen,
Und es mühſam ſchleppen und ſchleppen,
Und es wieder verſchütten in's Meer,
Ein trübes, langweil'ges Geſchäft,
Und nutzlos, wie mein eignes Leben.

Die Wogen murmeln, die Möven ſchrillen,
Alte Erinn'rungen wehen mich an,
Vergeſſene Träume, erloſchene Bilder,
Qualvoll ſüße, tauchen hervor!

Es lebt ein Weib im Norden,
Ein ſchönes Weib, königlich ſchön.
Die ſchlanke Zypreſſengeſtalt
Umſchließt ein lüſtern weißes Gewand;
Die dunkle Lockenfülle,
Wie eine ſelige Nacht, ergießt ſich
Von dem hohen, flechtengekrönten Haupte,
Sie ringelt ſich träumeriſch ſüß
Um das ſüße, blaſſe Antlitz;
Und aus dem ſüßen, blaſſen Antlitz,
Groß und gewaltig, ſtrahlt ein Auge,
Wie eine ſchwarze Sonne.

O, du ſchwarze Sonne, wie oft,
Entzückend oft, trank ich aus dir
Die wilden Begeiſt'rungsflammen,
Und ſtand und taumelte, feuerberauſcht —
Dann ſchwebte ein taubenmildes Lächeln
Um die hochgeſchürzten, ſtolzen Lippen,
Und die hochgeſchürzten, ſtolzen Lippen

Hauchten Worte, ſüß wie Mondlicht,
Und zart wie der Duft der Roſe —
Und meine Seele erhob ſich
Und flog, wie ein Aar, hinauf in den Himmel!

Schweigt, ihr Wogen und Möven!
Vorüber iſt Alles, Glück und Hoffnung,
Hoffnung und Liebe! Ich liege am Boden,
Ein öder, ſchiffbrüchiger Mann,
Und drücke mein glühendes Antlitz
In den feuchten Sand.


作者
海涅

来源

Heine, Heinrich: Buch der Lieder. Hamburg, 1827. S. 348–350. DTA/BBAW: https://www.deutschestextarchiv.de/book/view/heine_lieder_1827/356 (CC BY-SA 4.0).


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