II. Abenddämmerung


Am blaſſen Meeresſtrande
Saß ich gedankenbekümmert und einſam.
Die Sonne neigte ſich tiefer, und warf
Glührothe Streifen auf das Waſſer,
Und die weißen, weiten Wellen,
Von der Fluth gedrängt,
Schäumten und rauſchten näher und näher —
Ein ſeltſam Geräuſch, ein Flüſtern und Pfeifen,
Ein Lachen und Murmeln, Seufzen und Sauſen,
Dazwiſchen ein wiegenliedheimliches Singen —
Mir war als hört' ich verſcholl'ne Sagen,
Uralte, liebliche Mährchen,
Die ich einſt, als Knabe,
Von Nachbarskindern vernahm,
Wenn wir am Sommerabend,
Auf den Treppenſteinen der Hausthür,
Zum ſtillen Erzählen niederkauerten,
Mit kleinen, horchenden Herzen

Und neugierklugen Augen; —
Während die großen Mädchen,
Neben duftenden Blumentöpfen,
Gegenüber am Fenſter ſaßen,
Roſengeſichter,
Lächelnd und mondbeglänzt.


作者
海涅

来源

Heine, Heinrich: Buch der Lieder. Hamburg, 1827. S. 311–312. DTA/BBAW: https://www.deutschestextarchiv.de/book/view/heine_lieder_1827/319 (CC BY-SA 4.0).


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