Der May iſt da mit ſeinen goldnen Lichtern,
Und ſeidnen Lüften und gewürzten Düften,
Und freundlich lockt er mit den weißen Blüthen,
Und grüßt aus tauſend blauen Veilchenaugen,
Und breitet aus den blumreich grünen Teppich,
Durchwebt mit Sonnenſchein und Morgenthau,
Und ruft herbei die lieben Menſchenkinder.
Das blöde Volk gehorcht dem erſten Ruf;
Die Männer ziehn die Nankinhoſen an,
Und Sonntagsröck' mit goldnen Spiegelknöpfen;
Die Frauen kleiden ſich in Unſchuldweiß,
Jünglinge kräuſeln ſich den Frühlingsſchnurrbart,
Jungfrauen laſſen ihre Buſen wallen,
Die Stadtpoeten ſtecken in die Taſche
Papier und Bleiſtift und Lorgnett'; und jubelnd
Zieht nach dem Thor die krausbewegte Schaar,
Und lagert draußen ſich auf grünem Raſen,
Bewundert, wie die Bäume fleißig wachſen,
Spielt mit den bunten, zarten Blümelein,
Horcht auf den Sang der luſt'gen Vögelein,
Und jauchzt hinauf zum blauen Himmelszelt.
Zu mir kam auch der Mai. Er klopfte dreimal
An meine Thür', und rief: Ich bin der Mai,
Du bleicher Träumer, komm, ich will dich küſſen!
Ich hielt verriegelt meine Thür', und rief:
Vergebens lockſt du mich, du ſchlimmer Gaſt;
Ich habe dich durchſchaut, ich hab' durchſchaut
Den Bau der Welt, und hab' zu viel geſchaut,
Und viel zu tief, und hin iſt alle Freude,
Und ew'ge Qualen zogen in mein Herz.
Ich ſchaue durch die ſteinern harten Rinden
Der Menſchenhäuſer und der Menſchenherzen,
Und ſchau' in beiden Lug und Trug und Elend.
Auf den Geſichtern leſ' ich die Gedanken,
Viel ſchlimme. In der Jungfrau Scham-Erröthen
Seh' ich geheime Luſt begehrlich zittern;
Auf dem begeiſtert ſtolzen Jünglingshaupt'
Seh' ich die bunte Schellenkappe ſitzen;
Und Fratzenbilder nur und ſieche Schatten
Seh' ich auf dieſer Erde, und ich weiß nicht,
Iſt ſie ein Tollhaus oder Krankenhaus.
Ich ſehe durch den Grund der alten Erde,
Als ſey ſie von Kriſtall, und ſeh' das Grauſen,
Das mit dem freud'gen Grüne zu bedecken
Der Mai vergeblich ſtrebt. Ich ſeh' die Todten,
Sie liegen unten in den ſchmalen Särgen,
Die Händ' gefaltet und die Augen offen,
Weiß das Gewand und weiß das Angeſicht,
Und durch die gelben Lippen kriechen Würmer.
Ich ſeh', der Sohn ſetzt ſich mit ſeiner Buhle
Zur Kurzweil nieder auf des Vaters Grab;
Spottlieder ſingen rings die Nachtigallen;
Die ſanften Wieſenblümchen lachen hämiſch,
Der todte Vater regt ſich in dem Grab',
Und ſchmerzhaft zuckt die alte Mutter Erde.
Du arme Erde, deine Schmerzen kenn' ich!
Ich ſeh' die Gluth in deinem Buſen wühlen,
Und deine tauſend Adern ſeh' ich bluten,
Und ſeh', wie deine Wunde klaffend aufreißt,
Und wild hervorſtrömt Flamm' und Rauch und Blut.
Ich ſeh' die Rieſenſöhn' der alten Nacht,
Sie ſteigen aus der Erde off'nem Schlund,
Und ſchwingen rothe Fackeln in den Händen,
Und legen ihre Eiſenleiter an,
Und ſtürmen wild hinauf zur Himmelsveſte;
Und ſchwarze Zwerge klettern nach; und kniſternd
Zerſtieben droben alle goldnen Sterne.
Mit frecher Hand reißt man den goldnen Vorhang
Vom Zelte Gottes, heulend ſtürzen nieder,
Auf's Angeſicht, die frommen Engelſchaaren.
Auf ſeinem Throne ſitzt der bleiche Gott,
Reißt ſich vom Haupt die Kron', zerrauft ſein Haar —
Und näher drängt heran die wilde Rotte;
Die Rieſen werfen ihre rothen Fackeln
In's Reich der Ewigkeit, die Zwerge ſchlagen
Mit Flammengeißeln auf der Englein Rücken;
Die winden ſich und krümmen ſich vor Qualen,
Und werden bei den Haaren fortgeſchleudert.
Und meinen eignen Engel ſeh' ich dort,
Mit ſeinen blonden Locken, ſüßen Zügen,
Und mit der ew'gen Liebe um den Mund,
Und mit der Seligkeit im blauen Auge —
Und ein entſetzlich häßlich ſchwarzer Kobold
Reißt ihn vom Boden, meinen bleichen Engel,
Beäugelt grinſend ſeine edlen Glieder,
Umſchlingt ihn feſt mit zärtlicher Umſchlingung —
Und gellend dröhnt ein Schrei durch's ganze Weltall,
Die Säulen brechen, Erd' und Himmel ſtürzen
Zuſammen, und es herrſcht die alte Nacht.
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